Warum Autoren manchmal einsam sind.

Im letzten Blogeintrag habe ich vom Pilgern gesprochen und davon, dass man doch ein Zentaur ist, und kein Reiter auf einem bockigen Pferd.

Dennoch ist man als Autor oft genau so. Denn man ist immer ein Mensch, getrennt von seiner Geschichte, und dann doch wieder nicht.

Wie entstehen Geschichten? Woher kommt das? Das fragen die Leuten einen immer wieder, aber ... ich finde die Beantwortung der Frage zunehmend schwierig. Ich bemerke auch, dass ich mich manchmal entfremde und auch schon Schwierigkeiten mit diesem "echten" Leben hatte.


Ich finde es überhaupt nicht mysteriös, mehrere Leben zu führen. Und es ist ja nicht nur ICH und das Buch. Ich lebe ja alle Leute in diesem Buch (nicht alle Alle, aber die wichtigsten). Ich gehe also ein Stück in ihren Schuhen. Auch wenn sie mir nicht passen.

Ich bin zB eine Weile in Falks Schuhen gegangen. Ich habe seine Figur nach einem Schauspieler geformt und habe mir diesen Mann genau angeschaut. Wie steht er, wie geht er? Und ich bin versuchsweise auch so gegangen. Ich habe mit die Welt zu eigen gemacht, wie er das tut. Das war sehr erhellend und hat mir sehr geholfen.


Aber wenn man dann als Autor interviewt wird, dann heißt es immer: wo kommen die Geschichten her? Und ich muss antworten: Weiß ich nicht! Ich weiß, woher mache Sätze dann kommen, die einzelnen Beschreibungen, aber woher die Story an sich kommt? Keinen blassen Schimmer.


Was mich als Autor dann noch sehr einsam macht, ist die Tatsache, dass ich meine Lieblingsstellen nicht lesen kann. Also laut, bei Lesungen. Weil: die spoilern total. Oder sie sind so eigen, dass sie nur im weiten Kontext zu verstehen sind. Oder: man würde als Autorin voll anfangen zu heulen, wenn man sie vorliest.


Ganz besonders einsam machen einen die allerwichtigsten Entscheidungen: wie enden die Geschichten? Was wird aus den Charakteren? Wird aus einer Tri- doch eine Tetralogie? Oder noch mehr?

Aber genau diese Entscheidungen machen den Unterschied. Im echten Leben hat man oft das Gefühl, die Geschichten sind nicht rund und man habe keine Kontrolle. Viele Menschen fühlen sich unvollständig, wenn Teile ihrer Geschichte für sie keinen Sinn machen. Manche sind in Endlosschleifen gefangen und müssen immer wieder das Gleiche Elend wiederholen, weil sie keine Möglichkeit zum Ausbruch finden.


Also Autor macht man das aber: man reitet die Figuren und die Geschichte. Mancher Autor plant jedes Detail voraus, andere (wie ich) lassen sich überraschen. Aber wir wollen alle ein schlüssiges Ende. Wir wollen Auswege, wir wollen Chancen und wir wollen Charaktere, die über sich selbst hinauswachsen. Darum entscheiden wir Autoren, ganz ganz einsam, auch schon mal über schlimme Dinge, die unseren Protagonisten geschehen. Um an deren Beispielen zu beweisen, dass man auch diese überleben kann.


Das Erzählen von Geschichten ist wie alle anderen kreativen Beschäftigungen etwas, was uns einsam machen kann. Denn als Künstler horche ich tief in etwas hinein, tauche auf trübe Grunde und wühle im Schlamm. Ich besteige hohe Berge und fahre endlose Straßen. Aber ich tue es allein und entscheide einsam, was ich dann teile. Mit dem Leser, dem Zuhörer, dem anderen.


Falls du als Leser also manchmal keinen Zugang zu mir findest, liegt es daran, dass ich tatsächlich woanders bin. Ich bin im nächsten Buch. Oder ich bin auf der Seite von Falk, wenn er wütend ist, während dir Minerva wichtiger ist. Das passiert. Aber: als Autor freut man sich über Leser, die mit einem tauchen, reiten, fahren und laufen. Daher freue ich mich über jeden, der mit mir spricht und seine Erfahrungen mit mir teilt. 


Denn ein Pilger ist zwar oft allein, aber man kann Teile des Weges zusammen gehen.