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Die eine Meinung

Als ich begann zu schreiben (damals 2011), tat ich das aus einem tiefen dunklen Ort heraus. Und es gab keinen Gedanken an irgendwen da draußen, ich schrieb einfach - für mich. Wundersamerweise stellte sich heraus, dass andere meine Sachen gut fanden. Viele Sachen. Genug Sachen und genug Leute, um stolz zu sein.

Plötzlich sind da Menschen, die man erreicht und obwohl man sie nicht kennt, werden sie wichtig. Die Leser*innen, die Käufer*innen.

Aber da ist etwas, was man dann tut, was jeder tut, auch ich: Man wird sensibel für Meinungen. Man will Rezensionen. Man will Lob. Man will Verkäufe. Man will im Gespräch bleiben. Es macht süchtig, wie Zigaretten, die eigentlich furchtbar schmecken und dennoch irgendwann gut. Die einen langsam zerstören, aber irgendwie zu deinem Leben gehören, auch wenn sie zu teuer, stinkend und eigentlich wirklich nur lästig sind.

Man macht sich kaputt, jedem Gehör zuschenken, jeden befriedigen zu wollen. Gefallen zu wollen. Mit einem kleinen Knicks: "Danke, dass du was gekauft hast."

Es validiert einen als Künstler*in und plötzlich ist man im Hamsterrad: Was ist gerade Trend, wie erreiche ich mehr Personen, was sollte ich besser machen ... etc.

Irgendwann war ich weise genug, damit aufzuhören, nach Meinungen zu fragen. Ich hatte folgenden Gedankengang: Was, wenn die "Großen" dauernd nach Meinungen gefragt hätten? Wenn jeder, der später ein Genie oder bahnbrechend genannt wird, immer ängstlich nach den Kritikern und falschen Freunden geschaut hätte, statt nach innen. Ich will mich nicht mit Genies vergleichen, ich will auch nicht behaupten, ich wäre groß.

Aber eines will ich: Mit meiner eigenen Stimme sprechen. Mein Lied singen. Mein Buch schreiben und meine Grafiken machen.

Darum habe ich aufgehört, nach Meinungen zu fragen. Ich schaue keine Rezensionen mehr an. Ich frage eigentlich auch nie: "Findet ihr das gut?" Ich zeige meine Sachen, wenn ich damit zufrieden bin. Und zwar: "Hier, da ist die Sache! Sie ist fertig. ich bin stolz." Ganz oft sehe ich: "Wie findet ihr meine Sache?" - und finde es traurig. Denn oft sind die Sachen ja fertig. Autor*innen die ihre Cover mit dieser Frage zeigen, haben oft keine zweite Auswahl. Das ist das Cover, vom Verlag meistens und damit müssen sie leben. Zu fragen, wie die Leser*innen das finden, ist ... es kann doch nur zu unerwünschten Reaktionen führen!

Sage ich aber: "Hier ist es und es ist genau das, was ich wollte!"- lässt den Mäkeleien eigentlich keinen Raum.

Ich mache so klar: Nimm es oder kauf das andere, welches dir besser gefällt.

Wie es Amanda Palmer mal sagte: "Ich brauche es nicht, dass du mich gut findest." Ich verstehe das nicht als Angriff. Ich sage damit auch nicht, dass mir alle anderen egal sind, aber ... Ich erschaffe erst einmal aus mir heraus, weil ich das dringend will. Ich brauche es, kreativ zu sein.

 

Ich versuche das einmal zu erklären: Etwas zu erschaffen, aus dem Nichts heraus, ist eine Arbeit, die so hart ist, dass sie eigentlich ständig misslingt. Wer kennt das nicht? Die vielen Ideen, die man dann prüft, mehr oder weniger lang, und dann verwirft. Aus tausenden von Gründen. (Irgendwo ist ein Friedhof auf dem diese unbeendeten Projekte, diese kleinen Hoffnungen langsam erlöschend herumwandern und die Berge der gestorbenen Projekte sind so hoch dass der Grand Canyon wie ein Bachlauf erscheint.)

Dann sind da Ideen, die länger bleiben. Es gibt auch welche, die bleiben ewig, sind aber nicht ausführbar. (Seufz)

Aber dann gibt es da eine, die es schafft. Die diese Anfangshürden nimmt. Und man beginnt, wirklich Arbeit hineinzustecken. Arbeit heißt vor allem Zeit. Zeit bedeutet auch Geld. Alles zusammen ist eine Investition.

Ich mache alles allein (aus Gründen, die mit dem eigentlichen Thema nichts zu tun haben). Darum prüfe ich alles allein. Ich bin mein Richter, mein Zensor, mein Fangirl, meine Lehrerin, meine Motivationstrainerin. Ich achte darauf, dass alles machbar ist, dass ich dabei gesund bleibe, dass es realistisch bleibt, und dass es so gut wird, wie ich es eben machen kann.

Und in fast jeder Minute dieses Prozesses arbeite ich gegen eine Last an Zweifeln. Wird es gut genug? Kann ich das bezahlen? Werden Leute das wollen? Ist das Unsinn? Ist das überhaupt produzierbar? Ist es gut? Ist es großartig? Oder ein Hirnschiss? Eine Missgeburt? Ein Fehlschlag? Dauernd. Ständig. Unablässig.

In Science Fiction Romanen haben die Raumschiffe oft Schilde, die dann durch Beschuss schwächer werden und schließlich versagen. Wenn das passiert, dann ist das ganze herrliche Geflecht, welches so ein Schiff ist, nichts weiter als ein Klumpen Schrott im unbarmherzigen Weltall. Bumm - kaputt. Und alle Träume und Leben darin auch.

 

Warum sage ich das? Weil manchmal ... auch wenn ich nicht danach frage, meint jemand, mir eine Meinung zu sagen. Und sie mag nett gemeint sein, aber sie ist grenzüberschreitend. Sie ist vielleicht gar mit einem Smilie dekoriert. 

Und dann ist es, als hätte ein winziges Steinchen die Frontscheibe des Autos getroffen ... und es macht britzel knackel krickel ... und die ganze Scheibe überzieht sich mit Rissen und bricht.

Oder als ob ein Schuss auf das Raumschiff eine Lücke im Schild erwischt hat und krawumm ...

Oder es ist einfach nur wie ein Splitter unter der Haut - schmerzhaft, immer da, nicht zu entfernen bis es rausgeeitert ist.

 

All das sollte klar machen, wie sehr ich ungefragte Meinungen hasse. Meinungen, die noch dazu völlig übergriffig sind und auf englisch "patronizing". Wenn dir jemand sanft lächelnd erklärt, dass du bitte das und das nicht tun solltest oder das und das besser ... 

 

Dazu kann ich nur sagen (obwohl der Schaden bleibt, diese Meinung ist ne Stimme in meinem Kopf die lauter schreit alle alle): Leck dich. Nicht mich, denn ich will weit weit weg von dir sein. Leck dich und zwar da, wo Hunde und Katzen sich elegant lecken können. 

 

Allen anderen möchte ich sagen: Danke für eure Unterstützung. Ich versuche, eure nicht gesagte Meinung (die ihr habt, aber nicht sagt, weil ich nicht fragte), euer Halten an mein Anliegen, eure Wertschätzung, Begeisterung und Liebe zu spüren und damit meine Schilde aufrecht zu erhalten. 

 

Ich bin in der absolut privilegierten Lage, machen zu können was und wie ich es will. Und wenn ich mal was frage, dann ist das, weil ich eine Meinung zu einer bestimmten Sachen wirklich möchte und auch weil ich euch alle schätze. Aber was ich am Ende entscheide, ist mein Ding. Es ist mein Werk, meine Arbeit, meine Kunst.

 

Ich hab euch lieb. Auch die mit Meinungen. Aber lass stecken. Mit mir kein High Noon. Kein Russisch Roulette. Keine Full metal Jackets oder Dum dum Geschosse.

 

Ich mach dann mal weiter.

 

Nachtrag: Ich kann übrigens sehr wohl zwischen qualifizierter Kritik und einer unangefragten Meinung unterscheiden.